„Lasst euch darauf ein, mit den Schüler*innen in einen Dialog auf Augenhöhe zu treten.“ – Lisa Weinberger, Gewinnerin der Themenrunde Kunst im digitalen Zeitalter, im Interview (November 2025)  

Gibt es objektive Kriterien für Schönheit? Welchen Einfluss hat KI auf Popkultur und ist Wissenschaft eigentlich auch Kunst?
Unsere letzte Themenrunde Kunst im digitalen Zeitalter fand vom 24. bis zum 28. November 2025 statt. Schüler*innen und Forschende tauschten sich in Live-Chats dazu aus, wie sich Kunst und kreative Prozesse unter den Bedingungen des digitalen Zeitalters verändern. Am Ende wählten die Schüler*innen Lisa Weinberger, Doktorandin an der Uni Tübingen, zur Lieblingswissenschaftlerin. 

Wie kam es dazu, dass du bei I’m a Scientist mitgemacht hast?

Der Aufruf kam von meiner Arbeitsstelle, dem SFB „Andere Ästhetik“ in Tübingen. Es handelt sich um eine Kooperation mit I’m a Scientist, für die ich sehr dankbar bin. Ich wollte mich bewerben, da ich gerne mit Schüler*innen in Kontakt treten wollte. Als ich Schülerin war, hatte man gar keinen Zugang dazu, wer Wissenschaftler*innen überhaupt sind und wie ihr Arbeitsalltag aussieht – das Projekt erschien mir daher als tolle Schnittstelle zwischen Schule und Wissenschaft!

Hast du schon vorher Erfahrungen in der Wissenschaftskommunikation mit der Zielgruppe Schüler*innen gesammelt?

Tatsächlich hatte ich bisher nur Kontakt mit Studierenden. Die Zusammenarbeit mit Schüler*innen hat mich daher besonders gefreut.

Wie war der Austausch mit den Schüler*innen? 

Ihre Fragen und Meinungen haben mir ganz neue Perspektiven gezeigt. Ich war sehr begeistert von den kritisch formulierten Fragen und dem großen Interesse an der Themenrunde. Insgesamt hat der Kontakt mir gezeigt, wie aktuelle Themen sich unter verschiedenen Altersgruppen äußern und dass unsere Meinungen überhaupt nicht weit auseinanderliegen – im Gegenteil. Außerdem war es zu Beginn eine Herausforderung, unsere alltäglichen Ausdrucksweisen und bestimmte Begriffe so herunterzubrechen, dass man sich auf einer Ebene miteinander unterhalten kann. Somit habe ich auch etwas von ihnen lernen dürfen. Am meisten hat mir aber tatsächlich das Chaos gefallen, das in den Chats entstanden ist und dass meine privaten Interessen scheinbar gut bei den Schüler*innen ankommen. Sie haben einen als Person wahrgenommen und nicht nur als Wissenschaftlerin.

Was nimmst du von dieser Erfahrung für dich und deine Forschung mit?

Ich nehme auf jeden Fall den regen Austausch mit und die kritischen Fragen, die mich selbst nochmal vieles haben hinterfragen lassen. Es war so eine schöne Erfahrung in direkten Kontakt mit Schüler*innen verschiedenster Altersstufen zu treten und deren Meinungen anzuhören und Fragen zu beantworten. Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass man sich auf verschiedenen Ebenen mit einem Gegenstand auseinandersetzen kann und dass andere Perspektiven neue Fragen und Erkenntnisse eröffnen. Außerdem hat es mir gezeigt, dass die KI immer wichtiger wird und wir uns in der Geisteswissenschaft unbedingt besser darauf vorbereiten müssen – denn die Schüler*innen werden später vielleicht mal unsere Studierenden und werden diese Fragen in die Uni mitbringen.

Gab es eine Frage in den Chats, die dich noch länger beschäftigt oder beeindruckt hat? Und wenn ja, wieso?

Eine Frage, die ständig aufkam, ist die, wem ein KI-generiertes Kunstwerk schließlich gehört. Darauf habe ich bis jetzt noch keine gute Antwort gefunden.
Außerdem fand ich die Frage nach der Bewertung von KI-Kunst sehr anregend. Werten wir sie anders als herkömmliche Kunst? Hat sie einen weniger wertvollen Stellenwert? Oder wird aus der KI-Kunst später einmal eine neue Epoche? Die letzte Anregung kam von den Schüler*innen und hat mich schwer beeindruckt und zum Nachdenken gebracht.

Weißt du schon, was du mit deinem Preisgeld machen möchtest?

Die Mediävistik (Wissenschaft vom europäischen Mittelalter) in Tübingen hat einen super schönen Instagram-Kanal, der die mittelalterliche Literatur zugänglich und mit viel Spaß und Witz darstellt. Es ist so wichtig, dass unsere Forschung zugänglich gemacht wird und dass sie auf Plattformen wie Instagram vertreten ist – das nimmt den dem Alltag manchmal weit entfernten Forschungsobjekten oft die Hemmschwelle. Außerdem vermittelt der Account Wissen und Facts über die mittelalterliche Literatur, die verschiedene Interessenten ansprechen oder diejenigen, die es noch werden möchten. Ich möchte das Preisgeld diesem Account zugutekommen lassen, damit sie weiterhin, eventuell auch unter Zusammenarbeit, diese schönen Inhalte mit einem kleinen finanziellen Zusatz produzieren kann. Den Kanal findet man unter @mittelhochdeutsch.tuebingen. Man wird mich dort in den ein oder anderen Videos finden. 😉

Was würdest du anderen Forschenden raten, die überlegen, auch an I’m a Scientist teilzunehmen?

Beschränkt euch nicht zu sehr auf euer fachspezifisches Vokabular und eure Perspektiven. Die Schüler*innen zeigen einem oft, wie versteift wir auf unsere Sprache oder unsere Ansichten sind. Lasst euch darauf ein, mit ihnen in einen Dialog auf Augenhöhe zu treten. Außerdem sollte man damit rechnen, dass die Schüler*innen sich den ein oder anderen Spaß erlauben – was aber meiner Meinung nach zu den witzigsten Momenten geführt hat.

Foto: Lisa Weinberger

Lisa Weinberger ist Doktorandin im SFB „Andere Ästhetik“ der Uni Tübingen im Projekt B04 „Ästhetik der Kombinatorik“. Sie untersucht in ihrer Forschung sogenannte Minnereden, das sind quasi Liebesratgeber aus dem Mittelalter, und erforscht, wie sie über die Liebe sprechen und welche Lehren sich daraus ergeben. Sie wirkte an der Konzeption der Ausstellung „Drucksachen“ im Schlossmuseum Tübingen mit, in der Frühdrucke aus der Universitätsbibliothek präsentiert wurden. Sie lehrt an der Universität über mittelalterliche Sprache und Literatur.

Posted on Dezember 11, 2025 by modleya in News. Markiert , , , . Kommentieren

Kommentieren